Kaffeetrinker: Die neuen Teetrinker
Jahrelang mussten wir Teetrinker den Spott der Kaffeetrinker auf unsere
zarten Seelen niederprasseln lassen.
Wenn wir morgens gerne einen
Darjeeling Finest Tippy Golden Flowery Orange Pekoe First Flush tranken,
am Abend aber einen China Golden Yunnan Special Pekoe vorzogen, wurde uns
nicht nur der lange, für Laien kaum aussprechliche Namen vorgeworfen,
sondern die Vielfalt an sich: Ein Kaffeetrinker wollte Kaffee, sonst nichts.
Die einzig erlaubten Variationen waren die Verwendung respektive der Verzicht auf Zucker und Milch.
Wenn wir penibel auf die Uhr geguckt haben, während der Tee zog, oder gleich
einen Tea-Timer gestellt haben, wurde angemerkt, dass sie nur auf ein Knöppken drücken
und warten, bis der Kaffee durch ist.
Und wenn die Teetrinker darüber diskutiert haben, ob man den Tee lieber anregend drei Minuten
oder besser beruhigend fünf Minuten ziehen lassen sollte (was, das muss man zugeben,
auf einem Missverständnis beruht), konstatierten Kaffeetrinker, dass
ihr Getränk Koffein enthalte, was der einzige sei, was sie interessierte.
Und wenn der Teetrinker gerne, so wie ich, darauf bestand, dass das Wort Tee nur für Getränke, die aus Bestandteilen der Teepflanze hergestellt werden, gültig sei und sog. Kräuter- und Früchtetees eigentlich nur als Aufguss bezeichnet werden dürften… wenn man den Supermarkttee im allgemeinen und Teebeutel im besonderen verdammt hat und seine Lieblingsdroge ausschließlich bei entsprechenden Fachhändler erwarb… ja, dann wurde einem auch noch elitäres Gehabe vorgeworfen.
Aber das hat sich alles geändert.
Äääh, nein, nicht alles: Vermutlich spötteln die Kaffeetrinker immer noch gerne.
Die Sache ist nur: Sie haben gar keinen Grund mehr dazu!
Was die genauen Spezifikationen des bevorzugten Heißgetränkes angeht, so haben uns
die Kaffeetrinker längst ein-, wenn nicht gar überholt. Das glaubt Ihr nicht?
Dann gebt mal einfach welche kaffeemaschine oder etwas ähnliches in
einer Suchmaschine Eurer Wahl ein und sucht in der Ergebnisliste ein paar
Forumsdiskussionen zu diesem Thema…
Die Frage: »Welche Kaffeemaschine soll ich mir kaufen?« führt nämlich grundsätzlich
zu seitenlangen Diskussionen, die mit fortschreitender Länge nicht selten das Ausmaß eines
Glaubenskrieges annehmen, komplett mit Diffamierung Andersgläubiger: Wer eine Pad-Maschine
sein eigen nennt, so wird behauptet, kauft sich auch Fertigfutter aus dem Aldi-Kühlregal und
hält das für eine Gourmetspeise.
Zudem bereitet eine Kaffeemaschine heutzutage natürlich nicht nur schnöden Kaffee, sondern
muss auch Espresso und Artverwandte liefern können; wobei derjenige,
der im Plural nicht das Wort Espressi benutzt, von vorneherein seine
Glaubwürdigkeit als ernstzunehmender
Ansprechpartner verloren hat.
Da werden die Vorteile von Halbautomaten, Vollautomaten und Supervollautomaten aufgezählt; da wird darauf bestanden, dass nur Siebträgermaschinen eine annehmbare Qualität erzeugen. Kapselmaschinen werden aufgrund des hohen Tassenpreises verworfen, statt dessen solle man sich doch lieber eine richtige Maschine gönnen, für deren Kaufpreis allerdings die komplette zehnköpfige Finalmannschaft aus der Castingshow »Deutschland sucht den Superkaffeejunkie« anderthalb Jahre lang mit Kapselkaffee versorgt werden könnte.
Natürlich hat die Aufrüstung der Kaffeeküche auch ihre Kritiker:
Dann wird betont, dass man diese Dinger doch ständig penibel reinigen müsse, da sie sonst
zur Keimschleuder mutieren. Wer den hygienischen Vorteil der Kapselautomaten lobt, muss
allerdings damit rechnen, als Umweltsünder an den Pranger gestellt zu werden.
Der Einwand, dass eine simple Espressokanne – sorry, eine
Steigrohrmaschine meine ich natürlich – doch auch ausreiche, wird umgehend mit aus Wikipedia
abgeschriebenen Bar-Werten gekontert, die unzweifelhaft beweisen, dass man damit gar keinen
echten Espresso zubereiten kann; und wer es wagt, zuzugeben, dass er traditionell-deutschen
Filterkaffee bevorzugt, wird nur dann nicht gekreuzigt, wenn er schnell hinterherschiebt,
dass er selbstverständlich einen Aufguss von Hand gemeint hat und nicht den aus Muttis
20-Euro-Kaffeemaschine von Severin. Und, kaum nötig zu erwähnen, verwendet er nur
frisch gemahlene Bohnen, was eine Nebendiskussion über die beste Kaffeemühle eröffnet: Man liest von
Propellern, Scheiben und Kegeln, von Umdrehungszahlen und Temperaturentwicklung.
Vergessen sind die einstigen Lacher über Teetrinker und ihre Frage, ob das Wasser
100 °C haben muss oder man es lieber auf 90° abkühlen lassen sollte.
Hat der ursprüngliche Fragesteller sich dann entschieden und zugunsten seines neuen Automaten
auf die Anschaffung eines Kleinwagens verzichtet, steht die nächste Frage an: Nämlich,
welche Kaffeesorte er nun in das heilige Gerät füllen darf. Und wer dann nur den Unterschied
zwischen Arabica und Robusta kennt, hat sich als Neuling geoutet.
Die Aufzählung unterschiedlicher Anbaugebiete samt Ihrer Vorzüge – wir erinnern uns: Das hat
man uns Teetrinkern einmal vorgeworfen! – folgt dann so sicher wie das allgemeine
Kopfschütteln über diejenigen, die das böse Wort Tchibo ins Rennen werfen.
Was dem Teetrinker die Ziehzeit, ist dem Kaffeetrinker der Koffeingehalt, der plötzlich
gar nicht mehr so einheitlich gesehen wird wie – siehe oben – früher einmal.
Wobei mindestens
ein Diskussionsteilnehmer immer noch der Meinung ist, Espresso enthalte besonders viel Koffein,
woraufhin zwei weitere herbeispringen und erklären, dass Espresso tatsächlich weniger Koffein enthält
als traditioneller Filterkaffee, was aber umgehend gekontert wird dem Hinweis, dass der relative
Gehalt (in Bezug auf die Wassermenge) im Espresso eben doch höher sei.
Und so, wie viele Teetrinker unumstößlich glauben, dass der Drei-Minuten-Tee am Abend vom
gesunden Nachtschlaf abhält, während sein Fünf-Minuten-Kollege einen schlummern lässt wie ein Baby
– genauso wird der erstgenannte Teilnehmer auftrumpfen mit der Behauptung, dass er auch zu
fortgeschrittener Stunde zwei Tassen Filterkaffe locker wegsteckt, während ein Tässchen Espresso
unweigerlich für eine durchwachte Nacht sorgt.
Und noch etwas haben die Kaffeefreunde bei uns Teeanhängern abgeguckt: Den politisch korrekten Trinker, der behauptet, wie gut die fair gehandelten Sorten schmecken; wobei nach wie vor ungeklärt bleibt, wieso eine bestimmte Form des Handels geschmackliche Auswirkungen auf das Produkt hat.
Erschöpft von dieser Informationsfülle und insgesamt 1245 Beiträgen stellt am Schluss dann jemand stolz fest, dass die richtige Kaffeezubereitung eine wahre Kunst sei, während Teetrinker doch einfach nur getrocknete Blätter in kochendes Wasser tauchen…
Aber, liebe Kaffeefreunde, macht nur ruhig!
Am nächsten Tag treffen wir uns dann Café, wo Ihr dem Servicepersonal früher nur »Tass Kaff«
entgegengegrunzt habt,
heute allerdings zwischen schnödem Filterkaffee und Café au lait, Cappuccino,
Espresso (lungo, macchiato oder ohne Zusatz) sowie Latte macchiato zu differenzieren wisst.
Herzlich willkommen, Kaffeetrinker. Ernsthaft.
Endlich seid Ihr genauso albern wie wir.
P.S.: Nur um eins möchte ich Euch noch bitten: Auch wenn die Bedienung noch so
hübsch ist – widersteht der Versuchung, Eure Bestellung »Ich bekomm die Latte«
lauten zu lassen.
Den kennt sie nämlich schon. Mit Sicherheit.
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Freddy
Meinerseits trinke ich ab und zu auch gerne einen guten Kaffee – und habe ebenfalls so eine Bodum-Kanne.
Allerdings ist mir noch nicht gelungen, damit so richtig guten Kaffee zuzubereiten. Hast Du da einen Tipp?
Also: X Gramm Kaffeepulver auf einen Liter Wasser, Y Minuten ziehen lassen, bevor man das Sieb runterdrückt… oder sowas in der Art…
(Dass der Kaffee nicht zu fein gemahlen sein darf, weiß ich schon.)
Gruß,
Tobias
Ich habe früher den »Kaffeeaufguss« bis zu 12min ziehen lassen (volle Kanne), die Zeit aber nach und nach verkürzt. Bei einer halben Kanne pendelt es sich wohl auf 5-7min, bei einer vollen auf 7-10min ein. Mit der Menge ist's komplizierter, ich messe da nix ab, sondern verlasse mich auf mein Gefühl. Wenn ich Kaffee auf türkische (jedenfalls nennt man das bei uns in Berlin/Freundeskreis so) Art zubereite, also den Kaffee direkt mit heißem Wasser übergießen, verwende ich einen nicht gehäuften Kaffeelöffel, was vielleicht zwei gehäuften Teelöffeln entspricht, pro (normalgroßer) Tasse (!= Pott).
Vielleicht schütteln jetzt einige (der im Blogpost angeschnittenen »Experten«) mit dem Kopf, aber so mache ich das halt... ;-)
Gruß,
Freddy