Ogg Vorbis und MacOS 9
Wie die Überschrift schon sagt, geht es in diesem Text wirklich nur um das klassische MacOS 9 – OSX-User mögen mir das verzeihen, aber unter dem aktuellen Macintosh-Betriebssystem gibt es, soweit ich weiß, auch weniger Probleme mit Ogg Vorbis.
Alle hier geschilderten Probleme und Lösungsversuche basieren auf Informationen, die ich im WWW zusammengetragen habe, und vor allem auf eigenen Tests. Wenn mir dabei etwas entgangen sein sollte, bitte ich um entsprechende Hinweise.
Was ist Ogg Vorbis?
Ogg Vorbis (man spricht »Ogg« übrigens aus wie das englische Wort »Dog« ohne D am Anfang, und nicht etwa »Ooh-Geh-Geh«) ist ein komprimiertes Audioformat wie MP3. Tatsächlich ist es angetreten, um MP3 zu ersetzen – ob dieser Wunsch realistisch ist oder nicht, sei nicht Bestandteil dieses Artikels; aber es stellt sich die Frage, warum man überhaupt Ogg Vorbis anstelle von MP3 benutzen sollte...
Ausführliche Argumente findet man u.a. auf www.vorbis.com, aber zwei Punkte will ich in aller Kürze nennen:
- Ogg Vorbis klingt im Allgemeinen besser als MP3 bei gleicher Dateigröße – oder man erreicht die gleiche Soundqualität bei geringerer Dateigröße, wenn man's lieber so rum ausdrücken will.
- Im Gegensatz zu MP3 ist Ogg Vorbis lizenzfrei. Während Hersteller von MP3-Software und kommerzielle Anbieter von MP3-Dateien Lizenzgebühren abführen müssen, wird die Ogg Vorbis-Technologie kostenfrei zur Verfügung gestellt.
Diese Vorteile machen Ogg Vorbis interessant, aber leider sieht die Unterstützung dieses Formats
auf dem Mac eh nicht so rosig aus, und Anwender von MacOS 9 haben mit speziellen Problemen zu
kämpfen. Diesen Problemen und deren Lösung wollen wir uns nun etwas näher widmen.
Vorbis-Dateien erzeugen
Dieser Schritt ist glücklicherweise noch relativ problemlos, auch wenn es meines Wissens
derzeit nur einen aktuellen Encoder für das klassische MacOS (ab 8.5 + CarbonLib) gibt:
OggDrop von Nick D'Amato.
Dieses Programm wandelt Dateien im AIFF- und AIFC-Format (.aif), Audio-CD-Tracks, unkomprimierte
QuickTime-Soundfiles und System-7-Klänge ins Ogg Vorbis-Format um. Die gewünschte Qualität
ist dabei per Menü auswählbar: Entweder entscheidet man sich für eine feste Bitrare oder –
das ist der von den Herstellern empfohlene Weg – man entscheidet sich für eine Kompression mit variabler Bitrate,
die in Qualitätsstufen von 0 bis 10 bereitstehen.
Bei einer variablen Bitrate werden Passagen mit komplexen Soundstrukturen automatisch mit einer höheren
Bitrate codiert als z.B. Pausen – es gibt allerdings auch Stimmen, die davon eher abraten:
Ähnlich wie bei einer automatischen Aussteuerung wird bei der variablen Bitrate letztendlich
die Dynamik des Musikstücks geändert. Jeder mag selbst entscheiden, ob er das wagen will...
OggDrop kann natürlich etliche Dateien oder ganze CDs in einem Rutsch codieren, das Festlegen von
Tags (Kommentare wie Interpret, Titel etc. eingeben kann) ist ebenfalls möglich.

OggDrop: Links das Statusfenster in Aktion,
rechts das aufgeklappte Menü zur Auswahl der Soundqualität
Vorbis-Dateien hören
Man soll es kaum glauben, aber das Anhören von Vorbis-Dateien ist der schwierigere Weg!
Die beste Möglichkeit ist nach meinen bisherigen »Nachforschungen«
Audion, ein Player für diverse Soundformate,
der früher mal als Shareware vertrieben wurde. Mittlerweile ist die Weiterentwicklung
eingestellt worden, dafür gibt es die letzte Audion-Version jetzt gratis.
Werfen wir aber mal einen Blick auf die Apple-Software, genauer gesagt auf den QuickTime Player und
iTunes. Zunächst braucht man mal die passenden QuickTime
Components, die in den Ordner QuickTime Extensions in den Systemerweiterungen gelegt werden
müssen.
Danach wird es ein bisschen kompliziert, ich kann es leider nicht ändern. Der hier geschilderte Stand bezieht sich
auf den Player von QuickTime 6.0.2 und iTunes 2.0.4 unter MacOS 9.1 – in anderen Konfigurationen kann
man durchaus zu anderen Ergebnissen kommen.
Der Haken liegt dabei, dass das Verarbeiten der Vorbis-Dateien ganz wesentlich vom FileType, Creator und –
für Classic-MacOS-User ungewohnt – der Dateiendung beeinflusst wird.
FileType und Creator habe ich mit TypesChange, einem
Freeware-Kontextmenü-Plugin von Petteri Kamppuri, überprüft und geändert. Nebenbei bemerkt, ist
dieses Tool zumindest für diesen Zweck meiner Meinung nach viel geeigneter als das altbewährte ResEdit.
Nach dem Codieren mit OggDrop sind FileType und Creator auf ???? (= unbekannt) gesetzt – sie werden im Finder also
als »Dokument«, ohne Zugehörigkeit zu einer Applikation, angezeigt. Der Dateiname endet mit
.ogg.
Diese Datei kann man sich anhören, indem man den QT Player startet und das Musikstück über das
Datei-Menü öffnet. Das funktioniert in ordentlicher Geschwindigkeit, und der Player zeigt den in den Tags
vermerkten Titel an – hat man keinen Titel angegeben, erscheint der Dateiname.
Ein Doppelklick auf diese Datei öffnet natürlich nur den bekannten Dialog, der besagt, dass das
zugehörige Programm nicht gefunden wurde – und iTunes kann mit einer solchen Datei gar nichts anfangen.
Setzt man den Creator auf TVOD, ohne den FileType zu ändern, wird die Datei auch auf Doppelklick
mit dem QT Player geöffnet, der Titel wird weiterhin angezeigt – iTunes aber ist genauso dumm wie vorher.
Nun setzen wir mal den FileType auf OggS: Der QT Player öffnet die Datei weiterhin, auch auf
Doppelklick, aber anstatt den Titel oder den Dateinamen anzuzeigen, erscheinen die Worte »Ohne Titel«
im Fenster des Players. Was aber noch schlimmer ist: Die Geschwindigkeit beim Öffnen geht nicht nur in den
Keller, sondern noch deutlich tiefer, ungefähr bis knapp unter die Erdkruste.
Und iTunes? – Mag die Datei immer noch nicht.
Und nun wird's für Mac-User ungewöhnlich: Wir ändern die Dateiendung auf .mov, wobei
Creator und FileType auf TVOD und OggS gesetzt bleiben.
Und plötzlich kann auch iTunes mit der Datei etwas anfangen – wobei die Geschwindigkeit beim Öffnen
noch weiter runter geht als beim QT Player und etwa vor dem Höllentor angelangt sein dürfte...
Wer sich hingegen mal so richtig wundern möchte, verpasst der Datei die Endung .mov, den Creator
TVOD und setzt den FileType auf ???? oder irgendein Format, das von QuickTime normalerweise
unterstützt wird – und schon können beide Programme nichts mehr damit anfangen...
Fazit
Na, verwirrt genug?
Wer weitere Vorschläge für die Kombination Dateiendung/FileType/Creator hat, die mit den Apple-Programmen
zu brauchbaren Ergebnissen oder interessanten Effekten führen, kann sie mir gerne mitteilen.
Für alle anderen nochmal in Kürze:
Wenn man Vorbis-Dateien nur mit dem QuickTime-Player hören will, sollte man den Creator auf TVOD setzen,
den FileType auf ???? (»unbekannt«) stehen lassen und die Dateiendung .ogg beibehalten.
Wer iTunes vorzieht, setzt den Creator auf TVOD, den FileType auf OggS, ändert die Dateiendung
in .mov – und wundert sich fortan darüber, warum die Geschwindigkeit beim Öffnen dieser Datei
jeder Beschreibung spottet.
Und was muss man tun, um die Ogg Vorbis-Dateien auch auf dem Mac komfortabel und schnell verarbeiten zu
können?
Lösung Nr. 1: Man arbeitet mit MacOS X – ich selbst kann es ja leider noch
nicht überprüfen, aber mir wurde zugetragen, dass das Update auf QuickTime 6.2 einige der
Probleme löst. Allerdings läuft diese QT-Version eben nur unter OS X...
Lösung Nr. 2: Man besorgt sich Audion
und freut sich sowohl unter dem klassischen MacOS, als auch unter dem großen X darüber, dass man
netten Player mit vernünftiger Ogg Vorbis-Verarbeitung nutzen kann.
Unter MacOS 9 hat Audion darüber hinaus noch weitere Vorteile gegenüber iTunes.
P.S.
Dieses P.S. habe ich 2003 geschrieben. Unten folgen aktuelle Anmerkungen dazu, den alten Text behalte ich aber bei, um zu zeigen, wie weise und vorausschauend ich war... ;-)
Einige Gedanken, die mir in diesem Zusammenhang in den Sinn kommen...
Die Apple-Plattform ist derzeit eh nicht reich an Ogg-Software ausgestattet, und das wird sich
(leider!) wohl kaum ändern. MP3 hat den Vorteil des beachtlichen Marktvorsprungs, und als ob das nicht
genug wäre, kommt von der anderen Seite Apple selbst mit AAC. Als alter Idealist wünsche ich
Ogg Vorbis viel Erfolg, aber als Realist glaube ich nicht, dass sich dieses Format auf breiter Front
durchsezten wird – und schon gar nicht auf dem Mac.
Überhaupt: Apple hat mit den iApps einige interessante Programme im Repertoire, was für uns Mac-Freunde eigentlich
erfreulich ist. Leider führt das auch dazu, dass so manch andere Projekte in der Versenkung verschwinden:
Diverse Audio-Player haben schon die Segel gestrichen, und iTunes wird wohl seinen Beitrag dazu geliefert haben.
Und obwohl es hier nicht hingehört: Es wird sich zeigen, welche alternativen Browser der Safari-Attacke standhalten
können... für User des klassischen MacOS ist diese Situation besonders unangenehm, denn während
die Applikationen der Dritthersteller oft noch das alte System unterstützt haben, konzentriert sich Apple
jetzt voll auf MacOS X.
Die Kehrseite der Medaille: Man bekommt brauchbare Software vom OS-Hersteller, dafür werden gute Programme
anderer Anbieter plattgemacht...
P.P.S.
Nun eine Anmerkung aus dem Jahre 2006:
Nun wurde die Entwicklung von Audion tatsächlich eingestellt und die Gründe dafür kann man in der
Audion
Story nachlesen. Und kurz gesagt, natürlich war iTunes der Grund. Da die Audion-Autoren dies ohne Bitterkeit
und voller Anerkennung der guten Arbeit, die Apple bei iTunes geleistet haben, ausführen, will ich hier auch
keinen Aufstand deswegen machen. Und immerhin: Nutzer des klassischen MacOS kommen so in den Genuss der
Freeware-Version von Audion, und OSX-User brauchen Audion wohl nicht mehr.
Aber immerhin bleibt festzuhalten, dass ein weiteres schönes Programm wegen der OS-Beilagen von Apple
neingestellt wurde.
Und, ach ja: Ogg Vorbis konnte sich immer noch nicht auf breiter Front durchsetzen...




